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Fachübersicht

Das Modul ASME B31.3 berechnet die erforderliche Wanddicke von Geradrohren, Rohrbögen und Abzweigen für Prozessrohrleitungen (Process Piping). Die druckbedingte Mindestwanddicke wird nach ASME B31.3, Abschnitt 304.1.2 ermittelt; die Rohrabmessungen selbst kommen aus den Maßnormen ASME B36.10 (Stahlrohre) bzw. B36.19 (Edelstahlrohre), sodass direkt eine ausgeführte Nennwanddicke – der nächstliegende Schedule – gewählt werden kann.

Neben dem druckbedingten Anteil berücksichtigt die Berechnung die Summe der Zuschläge (Korrosion, Abrasion, Gewindetiefe), die Herstellungstoleranz (Mill Tolerance, bei nahtlosen Rohren typisch 12,5 %) und eine gegebenenfalls vorgegebene Mindestwanddicke nach Bestellspezifikation. Bei Rohrbögen wird über den Biegeradius die Wanddickenverteilung erfasst: An der Bogeninnenseite (Intrados) steigt die erforderliche Wanddicke, an der Außenseite (Extrados) sinkt sie – zugleich dünnt das Biegen die Außenseite aus.

Wer eine Rohrwanddicke nach ASME B31.3 berechnen muss, braucht dieses Modul bei jeder Rohrklassenerstellung und Leitungsauslegung im Chemie-, Petrochemie- und Industrieanlagenbau, in dem der ASME-Piping-Code die Vertragsbasis bildet.

ASME B31.3 2022 · ASME · Druckbehälter

Anwendungsbereich

  • Geradrohre, Rohrbögen und Abzweige (Process Piping)

Typischer Arbeitsablauf

  1. Norm, Abmessung und Werkstoff festlegen

    Zunächst werden die zu verwendende Norm, Nennweite und Rohrmaße nach ASME B36.10/B36.19 sowie der Werkstoff mit seiner zulässigen Spannung S bei Berechnungstemperatur aus Tabelle A-1 gewählt. Dazu kommen der Qualitätsfaktor E (Längsnahtfaktor) und der Schweißnaht-Festigkeitsfaktor W.

  2. Druckbedingte Wanddicke berechnen

    Die Mindestwanddicke t folgt aus Gleichung (3a): t = P·D/(2·(S·E·W + P·Y)), mit dem Y-Koeffizienten nach Tabelle 304.1.1, der die Spannungsverteilung über die Wand berücksichtigt (0,4 für duktile Stähle unterhalb des Kriechbereichs).

  3. Zuschläge und Toleranzen aufschlagen

    Zur druckbedingten Dicke werden die Summe der Zuschläge c (Korrosion, Erosion, Gewinde) addiert und die Herstellungstoleranz berücksichtigt: Die bestellte Nennwanddicke muss so groß sein, dass auch bei minus 12,5 % Toleranz die erforderliche Dicke t + c nicht unterschritten wird. Eine Mindestwanddicke aus der Bestellspezifikation wird zusätzlich geprüft.

  4. Rohrbogen bewerten

    Für Bögen wird nach 304.2.1 mit dem Biegeradius R der Korrekturfaktor an Intrados und Extrados gebildet. Maßgebend ist die Bogeninnenseite, an der die erforderliche Wanddicke über der des Geradrohrs liegt; die Ausdünnung beim Biegen ist über die Ausgangswanddicke abzudecken.

  5. Nennwanddicke wählen

    Abschließend wird der nächstgrößere Schedule aus B36.10/B36.19 als ausgeführte Nennwanddicke gewählt und die Ausnutzung dokumentiert. Bemerkungen und die Rohrlänge fließen in die Dokumentation der Rohrklasse ein.

Häufige Fragen

Wofür steht der Y-Koeffizient in der Wanddickenformel?

Y berücksichtigt, wo die Umfangsspannung über der Wanddicke bewertet wird. Y = 0,4 (duktile Stähle unter 482 °C) entspricht näherungsweise einer Bewertung zwischen Innen- und Außenfaser und macht die Formel für dünn- und mittelwandige Rohre genau. Im Kriechbereich steigt Y bis 0,7, weil sich die Spannungen umlagern. Für dickwandige Rohre mit t ≥ D/6 verlangt die Norm eine gesonderte Betrachtung.

Was ist der Unterschied zwischen Qualitätsfaktor E und Schweißnaht-Festigkeitsfaktor W?

E (Tabelle A-1A/A-1B) bewertet die Herstellart der Längsnaht – nahtlos E = 1,0, ERW typischerweise 0,85, je nach Prüfumfang. W erfasst dagegen die Zeitstandschwächung von Schweißnähten im Kriechbereich: Unterhalb von etwa 510 °C ist W = 1,0, darüber fällt er ab. Beide Faktoren wirken multiplikativ auf die zulässige Spannung.

Warum wird die Mill Tolerance so oft vergessen – und was bewirkt sie?

Die druckbedingte Wanddicke plus Zuschläge ist eine Mindestdicke, die an keiner Stelle unterschritten werden darf. Nahtlose Rohre dürfen nach ASTM-Spezifikationen aber bis zu 12,5 % unter Nennwanddicke liegen. Deshalb muss die Nennwanddicke mindestens (t + c)/0,875 betragen. Wer die Toleranz weglässt, bestellt bis zu 14 % zu dünn – ein klassischer Auslegungsfehler.

Deckt die Wanddickenberechnung die komplette Rohrleitungsauslegung ab?

Nein. Sie weist nur den Innendruck nach. ASME B31.3 verlangt zusätzlich die Flexibilitäts- und Spannungsanalyse für thermische Dehnung, Eigengewicht und Zusatzlasten (Sustained-, Displacement- und Occasional-Load-Nachweise), die Halterungsauslegung sowie gegebenenfalls Nachweise für Außendruck und Abzweigverstärkung. Die Wanddicke ist der erste, nicht der letzte Schritt.

Rechenbeispiel

Für eine Prozessleitung DN 100 (NPS 4) aus nahtlosem Rohr A106 Grade B ist die erforderliche Wanddicke nach ASME B31.3 zu bestimmen. Berechnungsdruck 25 bar, Berechnungstemperatur 200 °C, Korrosionszuschlag 2 mm.

Gegeben

Rohraußendurchmesser D (NPS 4)114,3 mm
Berechnungsdruck P25 bar = 2,5 N/mm²
Zulässige Spannung S (A106 B, 200 °C, Tab. A-1)137,9 N/mm² (20,0 ksi)
Qualitätsfaktor E (nahtlos)1,0
Schweißnaht-Festigkeitsfaktor W1,0
Y-Koeffizient (Tab. 304.1.1)0,4
Korrosionszuschlag c2,0 mm
Herstellungstoleranz (nahtlos)12,5 %

Lösungsweg

Druckbedingte Wanddicke t nach Gl. (3a)

t = P·D / (2·(S·E·W + P·Y))

t = 2,5 · 114,3 / (2 · (137,9 · 1,0 · 1,0 + 2,5 · 0,4)) = 285,75 / (2 · 138,9) = 1,03 mm

Erforderliche Mindestwanddicke t_m

tm = t + c = 1,03 mm + 2,0 mm = 3,03 mm

Erforderliche Nennwanddicke mit Herstellungstoleranz

Die bestellte Wanddicke darf um 12,5 % unterschritten werden, daher:

tnom ≥ tm / 0,875 = 3,03 / 0,875 = 3,46 mm

Schedule-Auswahl nach ASME B36.10

Gewählt: Schedule 40 mit t = 6,02 mm für NPS 4. Auch der dünnere Schedule 10 (3,05 mm) würde die erforderlichen 3,46 mm unterschreiten; Schedule 40 ist zugleich die übliche Standardausführung und bietet Reserve für Biegungen und Gewindeanschlüsse.

Ergebnis

Druckbedingte Wanddicke t1,03 mm
Mindestwanddicke t_m (mit Zuschlag)3,03 mm
Erforderliche Nennwanddicke≥ 3,46 mm
Gewählt (ASME B36.10)Schedule 40, t = 6,02 mm
Berechnungsgrundlage: ASME B31.3, Gl. (3a) in 304.1.2: t = P·D/(2·(S·E·W + P·Y)); Y = 0,4 nach Tabelle 304.1.1; S = 20,0 ksi ≈ 137,9 N/mm² für A106 Gr. B bis ca. 204 °C nach Tabelle A-1; Nennwanddicke mit 12,5 % Mill Tolerance nach ASTM A106.

Technische Inhaltsbasis: LV-Solved-Problems-Content 628d313247e7